BYOD, Bildung und Bilanzen: über Studien, Erfahrungen und Meinungen zu Technik im Unterricht


Ende Januar erschien ein Artikel von Oliver Hollenstein in DIE ZEIT, in dem er auf Grundlage der, seiner Einschätzung nach, ernüchternden Ergebnisse eines Hamburger Pilotprojekts zu der Erkenntnis kommt, dass die Freischaltung des schulischen WLAN für Schüler den Unterricht kaum verändere.

 

Die Form ist entscheidend

Schaut man sich den Abschlussbericht der wissenschaftlichen Evaluation der Universität Hamburg direkt an, kann geschlussfolgert werden, dass dies an der spezifischen Nutzung der Geräte lag. Die Schülerbefragungen kamen zu folgendem Ergebnis:

„Komplexere und produktive Formen der Medienarbeit (z.B. Bild-, Ton- und Videobearbeitung) werden weniger genutzt. Dies bestätigt sich nicht nur in Bezug auf die Nutzungszwecke des Hauptgeräts, sondern auf den Einsatz von Medien im Unterricht insgesamt. Nur 5,7% der Schülerinnen und Schüler der Projektgruppe gaben an, dass sie im Unterricht oft Medien wie z.B. einen Film, ein Wiki oder eine App selbst erstellen, 21,6% tun dies zumindest gelegentlich.“ (S. 30)

Das bedeutet also, dass die Geräte meist lediglich zur Recherche oder zum Materialaustausch genutzt wurden. Das Potenzial des Digitalen wurde somit recht selten ausgenutzt. Das Unterrichtssetting blieb offenbar weitgehend unverändert, im Vergleich zum analog geprägten vormaligen Aufbau. Somit ist es auch nicht verwunderlich, dass die Einschätzung der Schülerinnen und Schüler bezüglich der Veränderung von Unterricht kaum Unterschiede zwischen Projekt- und Kontrollgruppe zeigten (S. 34).

Schaut man jedoch die Ergebnisse der Unterrichtsbeobachtungen durch im Vorfeld entsprechend geschulte Lehramtsstudierende an (S. 15-18), liest man von eigenverantwortlichem Handeln motivierter Schülerinnen und Schüler, von kollaborativen Unterrichtsformen, von Interaktivität und von einer veränderten, stärker beratenden Rolle der Lehrenden. Aspekte, die ich bei einem gut geplanten und durchgeführten Projekt dieser Art auch erwartet habe.

Offensichtlich gehen die Meinungen von Beobachtern und Schülern hier weit auseinander, was deutlich macht, wie diffizil Medienwirkungsforschung ist.

Aus beiden Einschätzungen lässt sich jedoch eines ableiten: selbstgesteuerter, handlungsorientierter, projektartig ablaufender Unterricht mit digitalen Endgeräten ist bzw. wäre vorteilhaft gewesen.
Hier ist möglicherweise eine Erklärung für eine weitere unterschiedliche Einschätzung zu finden, die geäußert wird:

 

Technikmuffel oder Profis?

„Nur wenige Lehrer begeistern sich für Technik, viele wissen sie nicht sinnvoll einzusetzen.“

So ist es im Artikel des Bildungsredakteurs der ZEIT zu lesen. Hans-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes (DPhV) äußert sich in einem aktuellen Interview mit dem ZDF (als Antwort auf die Ergebnisse dieser Studie) anders. Er bescheinigt den Lehrenden, dass sie

„den didaktischen Mehrwert der digitalen Medien erkennen und umsetzen können.“

Im Hinblick auf die oben beschriebene unterschiedliche Wahrnehmung der Medienwirkung sind diese gegensätzlichen Einschätzungen erklärbar. Was wird als sinnvoller Einsatz angesehen? Was als Mehrwert? Werden diese grundlegenden Aspekte unterschiedlich gesehen, kann auch die Bewertung nicht einheitlich sein.

 

Schlussfolgerungen?

Das in Hamburg erprobte BYOD-Modell wird nun in Frage gestellt, im ZEIT-Artikel gar als Billiglösung bezeichnet. Ich bitte eindringlich darum, dies nicht zu tun, sondern – im Gegenteil – am Ball zu bleiben, das engagierte Projekt weiterzuführen und an den richtigen Stellen nachzubessern:

  • Schaffen Sie bitte weiterhin Technik bzw. entsprechende Infrastruktur für Schulen an.
  • Sorgen Sie weiterhin dafür, dass die Technik läuft, administriert und gewartet wird

Hollstein kommt gleich zu Beginn seines ZEIT-Artikels zu dem Schluss, dass

„die Technik noch das kleinste und womöglich am einfachsten zu lösende Problem bei der Digitalisierung der Schulen [ist]“.

Ich kann ihm da zwar nicht uneingeschränkt zustimmen – die Administration und Wartung der Geräte in Schulen ist vielfach ein massives Problem (DPhV-Vorsitzender Meidinger spricht von etwa einem Drittel nicht nutzbarer Computer in deutschen Schulen) – ich bin aber ebenfalls der Meinung, dass andere Probleme ebenfalls angegangen werden müssen. Über die technischen Aspekte hinaus sollte den didaktischen Einsatzmöglichkeiten ein größerer Raum eingeräumt werden. Verführen Sie die Lehrenden zu digital geprägtem Unterricht, der nicht eine bloße 1:1-Kopie des bisherigen Unterrichts ist:

  • Schicken sie das ganze Kollegium zu guten Fortbildungsveranstaltungen wie #ded16, #molol17, #ecbw17, #LdZ17 und den #OERcamps17. Das Angebot und die Größe solcher Events haben sich in den letzten Jahren deutlich erhöht und vielfach sind es besonders geeignete, offene Fortbildungsformate, die die Erfahrungen Lehrender direkt einbeziehen, wie der Freiburger Lehrer Dejan Mihajlovic in einem Blogbeitrag erläutert. Das vielfältige Potenzial des Digitalen, das bei diesen Veranstaltungen aufgezeigt wird, geht weit über die bloße Übertragung herkömmlicher Unterrichtsmuster auf einfache digitale Medien (z.B. pdf statt Schulbuch) hinaus.
  • Richten Sie eine (bezahlte) Position eines Medienberaters an jeder Schule ein. Dieser spezialisierte Kollege, Medienpädagoge o.Ä. ist aufgrund seiner Nähe zum Kollegium jederzeit und direkt ansprechbar. Externe Berater können dies nicht leisten. Kleinere Fortbildungen können kurzfristig, zielgruppenspezifisch und „peer to peer“ angeboten werden. Ferner kann dieser Berater auf die vielfältigen, im Netz verfügbaren Schulungs- und Beratungsangebote zugreifen und verweisen (z. B. Webinare, OER, E-Learning-Angebote, Moocs) oder sie sogar begleiten (Artikel über Nüsschen).
  • Etablieren Sie auch schulintern Austauschmöglichkeiten. Die Erfahrungen mit digital unterstützten Unterrichtsszenarien, die die Lehrenden machen können, sollten angesprochen und ausgetauscht werden können. Hierfür gibt es verschiedene Modelle. Z.B. könnte jedem Kollegen pauschal ein kleiner Teil seines Stundendeputats für eine regelmäßig stattfindende Besprechung in einer Kleingruppe reserviert werden. Bei nachlassendem Gesprächsbedarf oder ungelösten Problemen, könnte auch der oben genannte Medienberater Anregungen und Hilfsangebote in diese Besprechungen einbringen. Auch die Hamburger Wissenschaftler verweisen auf die Notwendigkeit von intensiverem, internen wie externen Austausch, von Meilensteinen und Halbzeittreffen (S. 81). Wichtig ist hierbei tatsächlich, dass ein Ausgleich zu diesen zusätzlichen Aufgaben geboten wird, denn fehlende Zeit wird auch in diesem Projekt von den Lehrenden als ein Haupthinderungsgrund für die „sinnvolle Integration der Geräte in den Unterricht“ angeführt, so Hollenstein.

So ganz nebenbei würde mit diesen Maßnahmen auch einer weiteren Fehlentwicklung entgegengewirkt werden:

 

Verführen statt verpflichten

In meinem Plädoyer für das Fach „Computerkunde“ verwies ich bereits darauf: Das Vorhaben, mit Zwang fachfremde Inhalte in die Lehrpläne einzuplanen und alle Lehrkräfte zu beauftragen, diese zu vermitteln, wie es diverse Medienpässe vorsehen, ist meiner Meinung nach (zumindest als alleiniges Mittel) zu kurz gedacht. Es geht an der Realität vorbei. Die Erfahrung zeigt, dass fachfremde Inhalte, ob sie nun der Medienkunde, der Verkehrserziehung, der gesunden Ernährung oder der Suchtprävention zuzuordnen sind, im Alltagsgeschäft untergehen. Sie werden zunächst nur von einzelnen Verweigerern nicht vermittelt und später, sobald das Thema nicht mehr so stark im Fokus steht, von nahezu allen anderen Kolleginnen und Kollegen verworfen. Als letzter Akt folgt dann die Streichung aus dem Schulkonzept, den Curricula oder sonstigen Dokumenten. Meist ohne viel Aufhebens davon zu machen. Es erinnert sich eh kaum noch jemand daran. Ob bis dahin eine Klasse etwas darüber gelernt hat, hängt davon ab, welche Lehrkräfte dort eingesetzt wurden. Eine Ungleichbehandlung ist vorprogrammiert.

Ähnlich beschreibt es der Bericht der Universität Hamburg. Auf S. 31 heißt es dort über den Hamburger Medienpass:

„Obwohl dieser seit dem Schuljahr 2013/14 verpflichtend in allen 5. bis 8. Jahrgängen der weiterführenden Schulen in Hamburg durchgeführt werden sollte, war er keiner der befragten Klassen (weder in der Projekt- noch in der Testgruppe) bekannt.“

Mit den oben beschriebenen Maßnahmen werden Lehrende weit über den Medienpass hinaus in die Lage versetzt, mit und über digitale Medien zu lehren. Freiwillig und überzeugender, als es Verordnungen und Erlasse allein erreichen könnten.

Ich wünsche den beteiligten Schulen in Hamburg viel Erfolg auf ihrem eingeschlagenen Weg!

 

Quellen:

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