Wie man ohne Katzenjammer Lehrenden das Lehren in der digitalen Welt ermöglicht


An der Universität Münster wurde vor einige Tagen im Rahmen der Ringvorlesung „#Lehrerbildung digital kompetent“ in der Diskussionsrunde die Frage gestellt, wie man es denn schaffe, das Kollegium mitzunehmen, auf dem Weg zum zeitgemäßen Lehren in der digitalen Welt. Da die aktuelle Beitragsparade der Bildungspunks einen ähnlichen Fokus hat und ich bereits mehrfach über Aspekte dieser Thematik geschrieben habe, nutze ich den Schwung der Diskussion, um noch einmal grundsätzlich über meine Position zu reflektieren. Herausgekommen ist ein Vier-Punkte-Programm*, das einen erfolgversprechenden Weg für Schulen aufzeigt, bei dem vielleicht nicht alle, aber doch viele aus dem Kollegium mitgenommen werden können.


1. Medientechnischer Rahmen

Man kann noch so schöne Konzepte entwickeln und Fortbildungen zu innovativen Unterrichtsformen anbieten, wenn die Technik an der Schule nicht vorhanden ist oder nicht funktioniert, wird man mit seinen Bemühungen scheitern.
Zu einer medientechnischen Grundausstattung gehört eine schulweite Kommunikations- und Dateiverwaltungs-Lösung, ein funktionierendes WLAN und eine entsprechende Bandbreite, so dass Schüler an Geräten arbeiten können. Ferner sind fest installierte Beamer und Lautsprecher förderlich. Ein IWB täte es natürlich auch, bringt aber Probleme mit sich. Es setzt einen Rechner voraus, der gewartet werden muss, und es zwingt Lehrende (zumindest, wenn es die herkömmliche Tafel vollständig verdrängt) zur Auseinandersetzung mit der Technik. Und Zwang ist nicht immer der beste Ratgeber bei dieser Thematik. Aber dazu später mehr.
Gute Erfahrungen hat man an vielen Schulen auch mit schuleigenen, ausleihbaren, mobilen Geräten gemacht, die die Pioniere an der Schule bereits jetzt einsetzen können (z. B. zur sozialverträglichen Umsetzung des BYOD-Ansatzes).
Zu dem medientechnischen Rahmen gehört untrennbar auch die personelle Ausstattung der Schule. Es muss bezahlte oder deutlich entlastete Menschen geben, die sich dauerhaft um Anschaffung, Wartung und Administration kümmern. Der medientechnische Rahmen ist entscheidend, denn Lehrer lieben funktionierende Technik.

2. Informatik, ITG & Medien-AG

Ein Kurs Informationstechnische Grundbildung versetzt Schülerinnen und Schüler (zumindest tendenziell) in die Lage, selbstständig und professionell mit digitalen Geräten zu arbeiten. Weitergehender Informatikunterricht unterstützt diese Entwicklung ebenso, wie ein vielfältiges Medien-AG-Angebot. Ob Mediendesign, Homepagepflege, Roboterprogrammierung oder Schulpodcast, alle dies fördert die mediale Handlungskompetenz. Dies beeinflusst wiederum den regulären Unterricht. Denn entsprechend geschulte Klassen schlagen von sich aus digitale Arbeitsweisen vor („Können wir auch einen Film erstellen, statt eines Plakats?“). Es kommt zu einer Graswurzelbewegung – einer Digitalisierung, die vom Lernenden ausgeht. Wichtig hierbei: Fachlehrerinnen und -lehrer können sich (in der Regel) darauf verlassen, dass gewissen Grundfertigkeiten vorhanden sind und nicht noch zeitaufwändig vermittelt werden müssen. Ein ganz wesentlicher Aspekt für die Akzeptanz von Technik in Schülerhand im Unterricht.

3. Austausch und Fortbildung

Es gibt seit Jahren eine Vielzahl von Veranstaltungen mit mediendidaktischem Schwerpunkt, die von Lehrerbildungszentren, Hochschulen und anderen Anbietern durchgeführt wird. In einigen Bundesländern kann auch auf Landesmedienberater zurückgegriffen werden, die entsprechend unterstützen können. Diese umfangreichen Angebote sind dem erheblichen Fortbildungsbedarf geschuldet, der auf diesem Gebiet besteht. Einige Schulen begegnen diesem mit schulweiten Fortbildungen für das Kollegium – zuweilen gar als Barcamp. Allerdings verpufft die Wirkung solcher blitzlichtartig stattfindenden Veranstaltungen, wenn an der Schule keine entsprechenden Unterstützungsstrukturen etabliert sind. Jede Schule sollte deshalb ihren eigenen Medienberater haben! Er könnte auf kurzem Wege selbst Peer2Peer-Unterstützung anbieten, Anregungen geben, Austauschstrukturen etablieren sowie bei der Schulentwicklung helfen. Außerdem sollte er entsprechend des Bedarfs entlastet werden. Dieser Ansprechpartner vor Ort ist meines Erachtens ein wesentlicher Gelingensfaktor um das Kollegium mit ins Boot zu holen.

4. Ubiquitäre Fortführung

Zeigen die ersten drei Punkte ihre Wirkung, kommt (hoffentlich) irgendwann der Zeitpunkt, an dem die Medientechnik ständig verfügbar, funktionsbereit und von fast jedem nutzbar ist. Ihr Einsatz hängt von den Lehr- und Lernbedürfnissen ab und ist nichts Besonderes, sondern etwas Selbstverständliches geworden. Regelmäßig finden Fortbildungen statt und für weiterführenden Projekte, von Tablet-Klassen bis zur 1:1-Ausstattung, haben sich Expertengruppen gebildet. Das Medienkonzept der Schule wird beständig evaluiert und weiterentwickelt. Zunehmend übernehmen einzelne Fächer obligatorische Medienkonzept-Anteile, insgesamt wird aber von weiten Teilen des Kollegiums freiwillig und aus Überzeugung weit mehr Technik eingesetzt und Medienkompetenz bei (Lehrenden und bei) Lernenden erreicht, als es ein Medienkompetenzrahmen alleine schaffen könnte.


Sind die finanziellen und personellen Rahmenbedingungen für dieses Vier-Punkte-Programm gegeben, sollte es möglich sein, einen Großteil des Kollegiums mitzunehmen und zu einem Medienkonzept zu gelangen, das von nahezu allen gelebt und getragen wird. Dabei sind die ersten beiden Aspekte noch ohne wesentlichen Einbezug weiter Teile des Kollegiums umsetzbar. Niemand hat etwas gegen eine Modernisierung der Schulausstattung oder gegen die Medienkompetenzschulung der Schüler, solange dies Fachleute übernehmen. Erst wenn der eigene Unterricht betroffen ist, wird das Thema Digitalisierung für das Kollegium wirklich akut.

Das Programm richtet sich nach dem Grundsatz „verführen statt verfügen“, denn die Erfahrung zeigt, dass Druck gerade in diesem Kontext häufig zu Verweigerung führt und als alleiniges Mittel wenig Wirkung zeigt. Besonders dann, wenn die Rahmenbedingungen gar nicht gegeben sind. Dabei hat das Lehren und Lernen im digitalen Zeitalter viel zu bieten. Selbstständigkeitsförderung, Motivation, zeitgemäße Handlungskompetenz… all das sind Aspekte, die der Einsatz digitaler Medien im Unterricht erreichen kann. Stellt man diese lohnenswerten Ziele in Aussicht und die funktionierende Technik bereit, wird begeistert erprobt und mit leuchtenden Augen berichtet. Lehrerinnen und Lehrer sind nicht per se technikfeindlich! Aber sie erwarten (wie ich finde) zu Recht, professionelle Arbeitsbedingungen und personelle Unterstützung.

*Aufmerksam Lesende werden gemerkt haben, dass dieses Entwicklungsschema, dem aktuellen Trend, alles mit einem Akronym zu betiteln, folgend, mit MIAU abgekürzt werden kann. Ein, wie ich finde, durchaus treffender Name für diesen Computer- und Internetkram. Sollte dies der Ernsthaftigkeit des Themas entgegenwirken, bin ich nicht traurig drum. Die Diskussion ist häufig ohnehin zu verbissen. 

 

CC BY 4.0
Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieses Werk und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – lizenziert unter CC BY 4.0. Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: André Hermes, Lizenz: CC BY 4.0.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

3 Gedanken zu “Wie man ohne Katzenjammer Lehrenden das Lehren in der digitalen Welt ermöglicht

  • Daniel

    Hallo!

    Endlich habe ich es mal geschafft diesen Artikel zu lesen.

    Ich bin absoluter Fan davon, dass Menschen sich mit der Digitalisierung der Schulen auseinander setzen.
    Weiterhin denke ich, dass es noch nicht einmal zwingend das Kollegium, bzw. die Lehrerschaft sich so extrem gegen die Digitalisierung stellt.

    Das allergrößte Problem ist das, was eigentlich immer fehlt: Geld.

    Egal was ist, immer ist Geldmangel da und somit ist es unfassbar schwierig vernünftig Dinge (wie z.B. einen gescheiten WLAN – Ausbau zu haben) anzustreben und zu bewältigen.

    Gerade kommt mir der Gedanke: Ist Geld ein Totschlag – Argument? Vielleicht. Jedoch ist es De Facto so.

    Ich hoffe, dass es die Digitalisierung irgendwann eine hohe Priorität bekommen wird, oder dass Schulen ggf. gar keine andere Chance haben, als sich dem zu stellen.

    • medienberater Autor des Beitrags

      Hallo Daniel,
      danke für deinen Kommentar!
      Ich gebe dir recht, Geld ist ein wichtiger Faktor, gar keine Frage. Man muss sich vor allem darüber im Klaren sein, dass die angesprochenen Personalstrukturen langfristig(!) finanziert werden müssen. Administratoren, Wartungstechniker, Fortbilder, Berater…
      In der politischen Diskussion wird häufig eher von einmaligen Finanzierungspaketen gesprochen. Die sind sicherlich gut, um einmalig Technik anzuschaffen. Mehr aber auch nicht.